Willkommen beim Fernschreiber[Dem Amt für Sporenabwehr & Kurzgeschichten & seinem Roman]
Der Fernschreiber ist ein unbekannter Schriftsteller, der hier täglich über das >>> Amt für Sporenabwehr Artikel schreibt. Manchmal erscheinen die Artikel unregelmäßig, wer genau dieser Fernschreiber ist, spielt keine Rolle!
Das Amt für Sporenabwehr
– Eintrag 1
Der Mann von der Apt. Sporenabwehr.
1. Der Anruf
Gegen fünf Uhr rief jemand vom Amt für Sporenabwehr bei ihr an. Eine quäkende Männerstimme sprach aus Joans Telefonhörer in knappen Sätzen und informierte sie darüber, dass sie schon bald das nächste Formular ihres personalisierten Entsperrmusters erhalten werde. Joans Hände wurden kalt. Als wäre eine unausgesprochene Angelegenheit bereits unterschrieben. Aber sie wusste, sie würde nicht mehr antworten. Sie würde kein weiteres Formular mehr ausfüllen. Sie würde ihre Kooperation an dieser Stelle einfach beenden. Unbegründet, unwiderruflich.
Auf dem Küchentisch lag eine Arbeitsliste, als wäre es ein Haftbefehl. „Einen Moment“, flüsterte sie in den Hörer und legte ihn neben das Telefon. Der Kühlschrank summte. Die Leute, die für das Amt für Sporenabwehr arbeiteten, trugen alle dieselben Overalls mit dem Firmenlogo darauf.
An diesem Morgen fasste Joan den Entschluss, dass sie aussteigen werde. Sie legte den Hörer auf die Gabel und unterbrach die Verbindung. Die Welt hielt den Atem an. Dennoch arbeitete sie an diesem Morgen, so als wäre nichts passiert, an der Maschine und schrieb den Bericht zu den strukturellen Modifikationen des Wohnkomplexes. Ein Bote würde später den Bericht der zuständigen Person an ihrer Arbeitsstelle übergeben.
Dann wird demnächst auch noch die Zwei-Tages-Frist für ihren Antrag auf Aufschub verstrichen sein. Die Server speichern alles. Am Abend lag dann ein karierter Zettel vor ihrer Haustür: „Bitte beantworten Sie unsere Anfragen frist- und sachgerecht!" Gez. Abt. Sporenabwehr. Sie legte den Zettel in die Ablage.
Die Kabel in der Wand knisterten. „Bald brennen alle Sicherungen durch!“, dachte Joan.
Demnächst würde die Zwei-Tages-Frist für ihren Antrag auf Aufschub ihres Entsperrmusters verstrichen sein. Die Server des Systems speicherten alles.
Dem Amt für Sporenabwehr blieb nichts verborgen, und ebenso wenig ging etwas verloren. Am Abend lag dann die offizielle Nachricht in ihrem Kommunikationskasten neben der Haustür: „Bitte füllen Sie das Formular frist- und sachgerecht aus! Gez. Abt. Sporenabwehr.“ Sie legte die Nachricht in die Ablage.
In wenigen Tagen würde man sie, weil sie das Formular nicht ausgefüllt hatte, einem Commander Zero übergeben.
Waren ihre Möbel überhaupt Möbel? Die Welt um sie herum fing an zu flüstern. „Fülle das Formular aus!“, flüsterte die Wand. Ihr Leben war umgeben von Plexiglas. Alles schien durchsichtig, es gab keine Möglichkeit, sich zu verstecken.
Spät am Abend kam der Bote vom Amt für Sporenabwehr. Ohne aufzuschauen, übergab er ihr das offizielle Formular zur Aktualisierung ihres personalisierten Entsperrmusters. Joan legte es in die Ablage. Der Bote zog seine schmalen Lippen auf einer Seite ein wenig nach oben und verschwand im Hausflur. Joan verschloss die Tür.
Die Sporenabwehr benötigte zur Aktualisierung ihres Entsperrmusters wie immer ihre Mitarbeit, stand über den unzähligen Fragen des Formulars. Es bestand wie immer eine Mitwirkungspflicht!
Joan ging zum Fenster. Es regnete nicht, aber es gab Wolken am Himmel. Einige Vögel zogen stumm ihre Bahnen über den Dächern der Wohnanlage.
– Eintrag 2
Joan – die Stimme aus der Gegensprechanlage.
2. Die Inspektion
Gegen Abend läutete es an der Tür. Joan blieb sitzen. Dann läutete es ein zweites mal. Joan stand auf und drückte den Knopf der Gegensprechanlage. „Ja, wer ist da?“ Das Formular lag unbearbeitet in ihrer Ablage. „Nur ein paar Fragen, alles Routine!“, sagte die Stimme aus dem kleinen Lautsprecher.
In der Steckdose flimmerten Funken. Die Wolken vor dem Fenster sahen aus wie erstarrte Asche, die jemand gen Himmel geworfen hatte. Joan überlegte, ob in ihrem Kühlschrank noch genügend Lebensmittel waren.
Wozu brauchte diese Gesellschaft unbedingt das Formular für diese ewigen Entsperrmuster Aktualisierungen, wozu sind diese Aktualisierungen überhaupt gut? Joan verstand das Ganze nicht mehr.
„Es geht um das aktuelle Entsperrmuster Ihrer Sporenabwehr!“, schepperte die Stimme aus der Gegensprechanlage.
„Ich weiß nicht, ob ich das noch brauche!“, sagte Joan geistesabwesend und nahm das Formular aus der Ablage. Das lief doch alles nur auf eine ewige, nichts bringende Selbstbefragung hinaus. Und das wiederum lief auf nichts anderes als auf Traumkrebs hinaus, dachte Joan.
„Gibt es zu diesem Formular überhaupt einen Frage-und-Antwort-Bogen, zum Beispiel über mögliche Nebenwirkungen?“, wollte Joan wissen, auch um etwas Zeit zum Denken zu gewinnen.
„Die Aktualisierung des Entsperrmusters dient zu ihrer mentalen Sporenabwehr und ist wissenschaftlich belegt. Es braucht keine weiteren Informationen. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Aktualisierung haben, wenden Sie sich an das Support-Team der Firma. Füllen Sie jetzt einfach das Formular frist- und sachgerecht aus, dann können wir Ihr aktuelles Entsperrmuster aktivieren!“
„Warum werden diese Formulare immer vordatiert?“ , dachte Joan.
Damit Ihre Sporenabwehr fristgerecht aktiviert werden kann, benötigen wir Ihre Zusammenarbeit!, stand ganz oben auf dem Formular. Neben dem Satz befand sich eine Illustration, welche die Aufforderung ein wenig unterstützen sollte.
Etwas in ihrem Inneren war gebrochen. Sie hatte aus heiterem Himmel einen Schlussstrich gezogen.
Etwas in ihrem Inneren war gebrochen. Sie hatte aus heiterem Himmel einen Schlussstrich gezogen. Von nun an sollten ihre Tage eine andere Richtung einschlagen. Sie wusste nicht, wo sie dabei herauskommen würde. Und ob sie am Ende nicht doch völlig verrückt werden würde, wie es die Entsperrmuster-Werbebroschüren immer so eindringlich prophezeiten, und sie dann zum Beispiel am Ende eine infernale Diskussion mit ihrem Rauchmelder beginnen würde.
Diese Welt war ein hermetisch abgeriegelter Kubus. Und für sie war die Absetzung der Aktualisierung eine kleine Aussicht, um daraus herauszukommen. So einfach war das! Warum sie herauskommen wollte, wusste sie selbst nicht.
Joan lauschte einigen hektischen Stimmen im Hausflur, wahrscheinlich die Nachbarn. Sie sprachen über belanglose Dinge. Sie drückte den Knopf der Gegensprechanlage und beendete damit jeglichen Kontakt mit der Außenwelt.
Im Treppenhaus stand eine Pflanze aus Kunststoff. Joan legte das Formular in die Ablage zurück. Eine alte Frau, die neben Joan wohnte, goss diese Pflanze regelmäßig; keiner hatte ihr gesagt, dass es sich um eine Pflanze aus Plastik handelte. Und selbst wenn, würde die Alte sie noch gießen. Wahrscheinlich ist sie aufgrund ihres Alters aus dem Entsperrmuster Programm heraus geflogen und war nun kein offizielles Glied des Systems mehr. Nur noch ein Schatten der Gesellschaft.
Das zwingend Notwendige, das nicht zu hinterfragen war, ist zu einem festen Bestandteil dieses Systems geworden.
– Eintrag 3
Anton – Abt. Sporenabwehr am Kopierer.
3. Die Abteilung
Die Kontrolllampe des Rank-Xerox-Kopierers blinkte. Anton arbeitete in der Abteilung für Sporenabwehr, in der Unterabteilung des Aktualisierungsprozesses des Entsperrmusters. Er blickte sich unsicher um. Er hasste es, die Aufmerksamkeit seiner Mitarbeiter zu erregen. Die fingen dann immer an, äußerst lästige Fragen zu stellen.
Er stand neben dem Kopierer und überlegte, ob es sich eventuell nur um einen Papierstau handelte.
Über den Trennwänden, Tischen und Bildschirmen des Großraumbüros leuchtete das bläulich-weiße Licht der Leuchtstoffröhren in einem endlosen Strahl. Bis auf eine flackernde Leuchtstoffröhre, die sich brummend in der Nähe der Toiletten befand.
Anton wollte ursprünglich 50 Kopien des aktuellen Sporenabwehr-Protokolls und das dafür notwendige Formular FSP E42 ausdrucken. Bei diesem FSP E42 handelte es sich um das aktuelle Entsperrmusterformular. Jede Person, die aktualisiert werden musste, sollte dieses Formular bekommen und im Vorfeld ausfüllen, damit man das personalisierte Entsperrmuster herstellen konnte. Ohne ausgefülltes FSP E42 war keine Aktualisierung möglich, und das würde das gesamte Sporenabwehr-Projekt zum Erliegen bringen.
„Wahrscheinlich doch nur ein Papierstau“, murmelte Anton. Er begann, so unauffällig wie nur möglich, das Gerät zu untersuchen. Das kleine Lämpchen neben dem Display blinkte rot. Allerdings sah das kleine Lämpchen schon ziemlich mitgenommen aus. Es hatte einen Riss, und eine Ecke war abgebrochen. So wie alles hier.
Anton beugte sich nach unten und wackelte an Klappe A. Es gab noch eine Klappe B und C, was das typische Geräusch verursachte, woraufhin der Mitarbeiter in Zelle 623 B um die Trennwand schielte.
„Dieser Kopierer erfüllt nicht mehr seine Funktion!“, sagte Anton zu dem neugierigen Mitarbeiter in Zelle 623 B und flüsterte, um nicht noch mehr Mitarbeiter auf die Angelegenheit aufmerksam zu machen.
„Melde es der Büro-Support-Einheit!“, sagte der Mitarbeiter aus Zelle 623 B.
„Ich kriege das schon alleine hin!“, erwiderte Anton.
Der Mitarbeiter aus Zelle 623 B erwiderte: „Du musst das melden! Das weißt du!“
Anton zog den Schieber heraus und begann, an dem Bogen Papier, der zwischen zwei Walzen klemmte, zu zerren. Dabei zerriss er den Papierbogen.
Die Abteilung für Sporenabwehr hatte zwei Kopierer desselben Modells. „Vielleicht benutze ich einfach einen anderen Kopierer!“, sagte Anton zu dem Mitarbeiter in Zelle 623 B.
Der Kopf des Mitarbeiters aus Zelle 623 B tauchte wieder hinter der Zellenwand auf.
„Falls Sie gerade mit diesem defekten Kopierer das aktuelle FSP E42 kopieren wollen und in dem Gerät noch ein Exemplar drinsteckt, dann muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie es erst von einem Sicherheitsbeamten entfernen lassen müssen, weil das Formular der Sicherheitsfreigabe 2B unterliegt!“
„Warum haben Kopierer überhaupt so viele Klappen und Teile?“, murmelte Anton vor sich hin. Er schaute sich irritiert um.
Die Luft im Großraumbüro roch wie immer nach dem hellgrünen Plastik-Teppichboden, der an einigen Stellen komplett abgewetzt war.
„Ich muss diese FSP-E42-Formulare heute noch ausdrucken und an die Sendeeinheit weiterreichen, damit die Entsperrmusterproduktion nicht in Verzug gerät, sonst kommt der ganze Ablauf ins Stocken.“ An seiner linken Hand war nun etwas Tonerstaub. Als er ihn wegwischen wollte, verteilte er ihn auf seinem Unterarm. Sehr ärgerlich, dachte Anton
Auf der grauen Pinnwand neben dem Gerät hing eine laminierte Anweisung, was im Falle eines technischen Problems getan werden musste. Sie bestand aus vier Punkten und vier kleinen Bildchen. Jemand hatte mit Kugelschreiber eine andere Telefonnummer neben die der Büro-Support-Einheit geschrieben. Offensichtlich war die ursprüngliche Nummer nicht mehr gültig.
Anton hörte von allen Seiten das Geklapper der alten Tastaturen, das lauter zu werden schien.
Er zerknüllte das Papier und warf es in den Papierkorb. Er starrte auf die Nummer der Büro-Support-Einheit, die mit Kugelschreiber neben die andere Nummer geschrieben worden war.
Das aktuelle Entsperrmuster würde hoffentlich auch solche unangenehmen Situationen ausmerzen. Die Aufgabe der Entsperrmuster-Aktualisierungen bestand darin, dass jeder Einwohner des Systems in regelmäßigen Abständen das Entsperrmuster als Nasenspray erhält und das er sich dann in die Nase sprühen musste. Die intelligenten Nanopartikel wanderten dann in das Gehirn und optimierten so das Verhalten, die Gedanken und die Emotionen. So blieben wir alle auf demselben Stand und in einem angepassten, optimalen Zustand erhalten.
Darin und nur darin, bestand die große Herausforderung der Abteilung für Sporenabwehr. Mit „Sporen“ wurde allgemein alles bezeichnet, was dazu führte, dass jemand in nicht optimales Verhalten, nicht optimale Gedanken oder nicht optimale Emotionen abdriftete.
Das aktualisierte Sporenabwehrprotokoll wird hoffentlich auch solche unangenehmen Situationen ausmerzen, dachte Anton.
– Eintrag 4
Anton – Abt. Sporenabwehr vor der Kühlvitrine.
4. Die Ordnug der Systeme
Um die Mittagszeit, in der Kantine der Abteilung für Sporenabwehr, stand Anton mit seinem Kunststofftablett vor der Kühlvitrine, hinter deren Glasscheibe 31 Glasschälchen mit Götterspeise in einer bestimmten Ordnung standen: Reihen zu jeweils vier Glasschälchen. Bis auf eine Reihe, die nur drei Glasschälchen zählte. 15 Glasschälchen mit roter und 16 Glasschälchen mit grüner Götterspeise.
Anton hatte eine Vorliebe für Götterspeise und symmetrische Anordnungen. Götterspeise mit Vanillesauce, die man ablöffeln konnte, war für Anton eine sehr delikate Erfahrung. Die asymmetrische Anordnung der Glasschälchen hingegen war für ihn nur schwer zu ertragen. Aus zweierlei Gründen würde er daher jetzt dieses eine grüne Schälchen nehmen, denn dann wäre für einen kurzen Zeitraum das symmetrische Gleichgewicht wiederhergestellt und er hätte dazu noch ein schmackhaftes Götterspeisen-Nachtisch-Erlebnis.
Bezüglich Symmetrie und Asymmetrie – ging es nicht auch in seiner Abteilung für Sporenabwehr um die Aufrechterhaltung der Ordnung? Was auch immer die Abteilung unter Ordnung verstand!
Links die grünen, rechts die roten Götterspeise-Glasschälchen. Es gab sogar eine imaginäre Kante, als hätte eine unsichtbare Kalibrierung stattgefunden. Die Oberflächen der Götterspeisen waren noch in Ruhe, aber würde jemand gegen die Kühlvitrine stoßen, dann würden sich die Oberflächen der Götterspeisen ein bisschen bewegen.
„Nehmen Sie sich doch einen Nachtisch?“, sagte die Kantinenkraft hinter der Kühlvitrine. Anton hatte sie gar nicht bemerkt.
Anton nickte stumm. Auf seinem Tablett befand sich sein Standardmittagessen: Kartoffelpüree, zwei Scheiben Kochfleisch, dazu ein bunter Gemüsemix. Nur die Sache mit der Götterspeise war noch nicht entschieden.
„Es gibt grüne und rote Götterspeise!“, sagte die kräftige Frau in ihrer Küchenuniform mit dem gelben Häubchen mit Firmenlogo der Abteilung für Sporenabwehr.
„Ich sehe das“, sagte Anton leise.
Neben den Schüsseln stand eine Plexiglaskaraffe mit Vanillesauce. Die Vanillesauce war keine natürliche, sondern eine aus einem naturidentischen Geschmacksstoff. Anton wusste, wie dieser naturidentische Stoff hieß: Er hieß Vanillin. Neben der Kühlvitrine hing ein kleines Schildchen, auf dem stand, welche künstlichen Substanzen alle in den Lebensmitteln enthalten waren. Aber das interessierte niemanden. Aber es war per Gesetz entschieden worden, dass es da hing.
Eine Frau, die hinter Anton ebenfalls mit ihrem Tablett stand und die auch in seiner Abteilung arbeitete, griff überraschend von der Seite in die geöffnete Kühlvitrine und nahm sich das Glasschälchen mit roter Götterspeise. Jetzt hatte sich die Angelegenheit mit der Symmetrie und Asymmetrie erledigt, dachte Anton, und schob sein Tablett mit dem Essen ein bisschen resigniert in Richtung Scanner. Unter diesen Umständen würde er sich keinen Nachtisch gönnen, entschied Anton. Beziehungsweise entschied etwas in Anton.
Anton schwieg. Er warf der Frau aus seiner Abteilung einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Warum haben Sie sich keine grüne Götterspeise genommen?“, wollte Anton wissen.
Dabei räusperte er sich.
„Es gibt keinen Grund!“, war die Antwort der Mitarbeiterin, die sehr schmale Lippen hatte.
„Es gibt immer einen Grund!“, sagte Anton.
„Sie sollten besser zum Scanner gehen, Kollege, ansonsten halten Sie uns hier alle unnötig auf“, sagte sie kurz angebunden.
Die Kantinenkraft mit ihrem gelben Häubchen verschwand in der Küche. Anton schob das Tablett unter den Scanner und murmelte:
„Es gibt immer einen. Es gibt immer einen Grund!“
– Eintrag 5
Joan aktualisiert das Entsperrmuster.
5. Die Philosophie des Entsperrmusters
Das FSP E42 ist das wichtigste Formular der Abteilung für Sporenabwehr und wird zur Aktualisierung des personalisierten Datensatzes benötigt, um das korrekte Entsperrmuster mit hochmoderner Nanotechnologie herzustellen. Kleine programmierbare Partikel, die nicht größer als ein Staubkorn sind, wandern über die Blutbahn in das Nervensystem und heften sich an die relevanten Stellen, um alles lahmzulegen, was nicht kompatibel mit dem aktuellen Sozialvertrag ist.
Die personalisierten Datensätze werden im Großrechner der Abteilung für Sporenabwehr ausgewertet. Jeder Datensatz beinhaltet relevante personenbezogene Informationen, die notwendig sind, um das personalisierte Entsperrmuster herzustellen. Am Ende der Produktionskette wird das Entsperrmuster als Aerosol in einem Nasenspray an jeden Bewohner, der unter der Obhut des Staatsgebietes der Sporenabwehr steht, ausgeliefert. Die Auslieferung findet in regelmäßigen Zeitabständen über den staatlichen Paketdienst SSPD statt. Worum geht es bei der ganzen Prozedur?
Es geht darum, dass alle hochfrequenten Übertragungen seitens aller staatlichen und systemrelevanten Ausstrahlungsorgane ungefiltert in die Personen eindringen können und unnötige intellektuelle Krisen sowie lästiges Hinterfragen der penetrierten Botschaften von vornherein unterdrückt werden. Eine Art mentale Firewall, die nur systemrelevante Informationen durchlässt. Eine semipermeable Membran, die jede Person umgibt. Unsichtbar aber effektiv. Für diese Qualität bürgt das Unternehmen SpiceDesign Corp. (SD Corp.) mit seinem Namen und seiner jahrelangen Erfahrung auf dem Gebiet programmierbarer Nanopartikel.
Die eigentliche Sporenabwehr besteht also nicht darin, das Eindringen fremdartiger Ideen zu verhindern, sondern vielmehr darin – und das mag widersprüchlich klingen –, die natürlichen Widerstände einer Person auf ein Minimum herunterzufahren, um das Eindringen systemrelevanter Botschaften zu optimieren. Man könnte die Spore in diesem Fall als die lästige, selbstbestimmte analytische Kraft einer Person betrachten, die sie infiltrierenden Botschaften von Natur aus entgegensetzen würde.
Die hochfrequente Wellenübertragung, der ständige Kontakt zum Kontrollapparat, muss unter allen Umständen aufrecht erhalten bleiben. Denn nur so kann unsere komplizierte Welt noch funktionieren. Daher sorgen unsere fleißigen Mitarbeiter der Abteilung für Sporenabwehr von SpiceDesign Corp. (SD Corp.) dafür, dass jede Person im optimal integrierten Zustand verbleibt.
Die unzähligen Vorteile dieser Methode liegen auf der Hand: keine unnötigen Diskussionen oder gesellschaftlichen Verwerfungen. Keine gewalttätigen Übergriffe, keine verstörenden Aussagen oder provozierenden Auswüchse einer fehlgesteuerten Meinungsfreiheit. Nur mit unserer modernen Technologie der Entsperrmuster-Aktualisierung können wir eine friedliche, ausgeglichene Welt garantieren, in der jeder ein ruhiges und beschauliches Leben führen kann und in der der völlig überbewertete Meinungsbildungsprozess auf ein akzeptables Minimum gehalten wird.
Antons Arbeit bestand darin, das FSP-E42-Formular allen Personen auf seiner Liste zukommen zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie die Formulare ordnungsgemäß ausfüllen, sodass die Datensätze aktualisiert und synchronisiert werden können.
Im nächsten Schritt wird dann unter hochmodernen Bedingungen das nanotechnologische Produkt hergestellt und als einfach zu verwendendes Nasenspray ausgeliefert. Die Sprays werden sicher verpackt und an jede Person ausgeliefert.
Wird die Kette der Entsperrmuster-Aktualisierungen einmal unterbrochen, wird das Sporenabwehrsystem porös, und die Person wird anfällig für Selbstbestimmung, Eigengedanken sowie das fragwürdige Verhalten, das gemeinhin unter Kreativität zusammengefasst wird.
Alle Sprays müssen innerhalb von acht Stunden angewendet werden. Dazu öffnet die Person den Sicherheitsverschluss, schraubt das desinfizierte Röhrchen an die Öffnung und schiebt es sich so weit wie möglich in die Nase. Eine Verletzung wird vermieden, indem das Röhrchen – wie in der Gebrauchsanweisung beschrieben – sachte in ein Nasenloch geschoben wird. Durch einmaliges Drücken gelangen dann die nanotechnologischen Partikel in den Organismus, die das aktuelle Entsperrmuster aufbauen. Danach kann die Hochfrequenzmodulation ihre gewohnte Arbeit fortsetzen, und jegliche brüchige Gleichschaltung wird auf ein optimales Ausgangsniveau zurückgesetzt.
Für den seltenen Fall, dass eine Person sich weigern sollte, ihr Entsperrmuster aktualisieren zu lassen, wird sie unverzüglich der Abteilung für freundliche Kooperation übergeben, damit sie dort zeitnah das Interview mit ihrem zugewiesenen Commander Zero erhält.
Wer auch das Interview mit seinem Commander Zero ablehnt, wird automatisch der lokalen Selbsthilfegruppe für Entsperrmusterverweigerer zugewiesen und verliert sämtliche staatlichen Unterstützungen sowie alle Vorzüge eines ordentlichen Mitglieds unserer modernen und friedliebenden Gesellschaft. Denn wir alle sind nur dann Frieden und Einklang wenn das Entsperrmuster aktualisiert bleibt.
– Eintrag 6
Joan verweigert das FSP E42
6. Die Verweigerung
Joan öffnete ihre Haustür. Vor ihr stand Anton mit einer dunkelgrauen Aktentasche unter dem Arm geklemmt.
„Wir haben Ihr ausgefülltes FSP E42 noch nicht erhalten, Frau Kowalski. Joan Kowalski ist doch Ihr vollständiger Name, oder?“,
Antons Blick wanderte um Joan herum, so, als ob viele kleine, umherfliegende Flugobjekte um Joan herum schwirrten.
„Es tut mir leid, aber ich habe das FSP E42 nicht ausgefüllt!“, sagte Joan mit unverändertem Gesichtsausdruck.
„Was heißt das, Frau Joan Kowalski, Sie haben das FSP E42 noch nicht ausgefüllt?“, fragte Anton und hustete in seine kleine weiße Hand.
„Das heißt, dass ich das FSP E42 nicht ausgefüllt habe, absolut richtig! Wollen Sie nicht hereinkommen?“, fragte Joan.
„Das ist nicht nötig!“, antwortete Anton und hustete noch einmal.
„Wollen Sie ein Glas Wasser?“, fragte Joan besorgt.
„Auch das ist nicht nötig, Frau Kowalski. Ich bin lediglich hier, um das ausgefüllte FSP E42 entgegenzunehmen, um es dann mitzunehmen, damit man Ihr aktualisiertes Entsperrmuster herstellen kann, damit Sie wiederum die Aktualisierung an sich vornehmen können, Frau Kowalski – aus keinem anderen Grund!“, sagte Anton, während er sich einige Male räusperte.
„Die Aktualisierung Ihres Entsperrmusters ist in Ihrem Interesse, Frau Kowalski. Ich verstehe nicht, wieso Sie das FSP E42 nicht wie immer einfach ausfüllen und es mir mitgeben, das sind doch nur ein paar Fragen!“, Anton klopfte mit seinen Knöcheln auf die Aktentasche.
„Leider ist das nicht möglich, weil ich das FSP E42 nicht ausfüllen werde. Ich habe es auch nicht vor. Herr ... Herr ... wie heißen Sie eigentlich?“, fragte Joan.
„Ach ja, natürlich, einen Moment, Frau Kowalski!“ Anton nahm seine Aktentasche zur Hand, öffnete sie und zog ein kleines laminiertes Kärtchen heraus, auf dem sein Name, seine Nummer und seine Abteilung in dunkelgrauen Buchstaben gedruckt standen. Er hielt Joan das Kärtchen unter die Nase, und steckte es wieder in seine Aktentasche zurück.
„Sie sind also Herr Anton Schmidt. Schmidt mit dt. Also, Herr Anton Schmidt, was machen wir nun? Was ist Ihr Plan?“, fragte Joan.
„In diesem Fall, Frau Kowalski, sehe ich mich genötigt, einen Vermerk auf meiner Liste zu machen. Sie werden dann zeitnah einen Bescheid erhalten mit der Aufforderung, sich mit Ihrem Commander Zero in Verbindung zu setzen – für ein Interview!“ Anton starrte, während er das sagte, auf Joans Schuhspitzen.
„Sie meinen, Sie müssen das dann melden, damit ich ein Interview bei einem Commander Zero bekomme?“, wiederholte Joan.
„Genau so, Frau Kowalski, das ist der Vorgang, der dann eingeleitet werden muss!“, Anton nahm wieder seine Aktentasche zur Hand, zog einen kleinen Block heraus, presste ihn an die Wand des Hausflurs und machte einen Vermerk hinter Joan Kowalski Name. Dann steckte er den Block wieder zurück in seine Aktentasche.
„Jetzt haben Sie Ihren Vermerk gemacht, Herr Schmidt!“, bestätigte Joan.
„Sie hören von uns, Frau Kowalski!“, sagte Anton, er machte kehrt und verschwand im Hausflur und dann im Fahrstuhl.
Joan schaute ihm nach, bis sie die Fahrstuhltür hörte. Sie lauschte wie sie sich schloss, und wie der Fahrstuhl die Stockwerke nach unten fuhr.
„Sie hören von uns, Frau Kowalski!“, flüsterte Joan und schloss ihre Haustür.
– Eintrag 7
SP Violett SA - Spiceperson der Woche
7. Die Spiceperson der Woche
Unser Entsperrmuster als Aerosol in der praktischen Einweg-Sprühflasche ist ein personalisiertes Produkt und ideal für jede Aktualisierung. Der staatlich subventionierte und weltweit agierende Konzern SpiceDesign Corp. (SD Corp.) legt sehr großen Wert auf Qualität, Diversität und Nachhaltigkeit. Unsere glücklichen Mitarbeiter sprechen sich mit einem geschlechtsneutralen Pronomen an. Bei der SD Corp. geht es immer nur um jede Person – so, wie sie sich gerade fühlt. Mit unserer zwanglosen, diversitären Geschäftsphilosophie wird ein neutrales Gleichgewicht zwischen jedem Mitarbeiter und seiner bunten Umgebung sichergestellt. So und nur so wird jeder Arbeitstag zu einem Tag, an dem nicht nur gearbeitet wird, sondern an dem jeder in der ureigensten Identität bestätigt wird. Wir heißen jeden willkommen, egal wie er oder sie sich sieht.
Ein Mitarbeiter, egal welcher Herkunft oder biologischen Grundstruktur, ist bei uns eine Spiceperson plus einer Farbe der Wahl, inklusive zweier neutraler Buchstaben. Zum Beispiel heißt eine Spiceperson der Verpackungsabteilung der Aerosole: SP Green VB; SP steht natürlich für Spiceperson. SpiceDesign Corp. ist einer der fortschrittlichsten Konzerne weltweit und führend auf dem Gebiet intelligenter Nanotechnologie im Lebensmittel- und psychopharmakologischen Sektor.
In jedem unserer aktuellen Entsperrmuster liegt das intelligente nanotechnologische Know-how der letzten 20 Jahre. Wir von SpiceDesign legen sehr großen Wert auf die individuelle Botschaft mit individueller Wirkung! Jede Nanobot-Kultur wird in einem exzellenten, hygienisch einwandfreien, dynamischen und nachhaltigen Milieu angesetzt und gezüchtet.
Der individuelle DNA-Abstrich und ein aktuelles FSP E42 liefern die Basis der personalisierten Entsperrmuster-Technologie. Die Aerosole in ihren zu 100 Prozent recycelbaren Material werden täglich an das Amt für Sporenabwehr ausgeliefert. Es ist in 20 Geschmacksrichtungen erhältlich, von Ananas bis Zitrone.
Durch unsere fortschrittliche Technologie und der Fürsorge unserer staatlichen Organe gehören quälende, kritische Gedanken und/oder zermürbende Zweifel sowie anstrengendes, selbstständiges Denken zu den grausamen Leiden von gestern an.
Mithilfe der effizient organisierten Abteilung für Sporenabwehr und ihrer unterstützenden Unterabteilungen bieten wir jedem ein gesundes und überaus glückliches Leben und die ideale Lösung für jedes mentale Problem. Lästige, ausschweifende Gedankenmuster sind dank eines aktualisierten Entsperrmusters ein Übel von gestern.
Rufen Sie noch heute die Hotline der Sporenabwehr an und fordern Sie Ihr aktuelles FSP E42, damit auch ihre Entsperrmusterkette niemals abreißt.
Jeder hat ein Anrecht auf seine Aktualisierung.
Ihre hingebungsvollen Mitarbeitenden der SD Corp.
Hochachtungsvoll
Eure Spiceperson der Woche:
SP Violett SA
– Eintrag 8
Joan entdeckt den Wurm
8. Der Wurm
Zwischen 9 Uhr und 10 Uhr entschied Joan, das Amt für Sporenabwehr anzurufen. Sie wollte wissen, wie der weitere Ablauf sein wird, jetzt, wo sie keine Aktualisierung mehr wollte. Seit sie ihre Aktualisierung ausgesetzt hatte, ging es ihr zwar nicht unbedingt besser, aber sie konnte merkwürdigerweise viel leichter einschlafen, und irgendwie fühlte sie sich im Kopf besser, aber auch unsicher. Diese kritischen Gedanken, die angeblich für jeden so entsetzlich sein sollen, konnte sie bei sich nicht feststellen. Und mal davon abgesehen erschien es ihr gar nicht so verkehrt, den einen oder anderen Umstand oder Ding in ihrer Umgebung kritisch zu hinterfragen.
Allerdings war der Zeitraum zwischen ihrer letzten Aktualisierung des Entsperrmusters und ihrer gegenwärtigen Lage noch nicht so weit voneinander entfernt – zwei Wochen. Für gewöhnlich werden alle drei Monate Aktualisierungen vorgenommen, und seit dem Aufruf ihrer letzten sind gerade mal eineinhalb Wochen vergangen. Dennoch erlebte Joan schon jetzt das Leben ein bisschen unverfälschter, was Joan in ihrer Entscheidung bestärkt hatte.
Joan wusste zwar nicht genau, wie sie überhaupt auf diese Idee kam, die Aktualisierungen einfach aus eigenem gut Dünken auszusetzen, nichts desto trotz erschien es ihr angebracht, die Abteilung für Sporenabwehr darüber zu informieren, dass die regelmäßigen Entsperrmusteraktualisierungen in ihrem Fall offenbar nicht mehr notwendig sind und dass sie auch keinen Commander Zero sehen muss.
Joan überlegte, ob nicht einfach eine bessere Ernährung und tägliche Bewegung ausreichen würden, damit die Leute in einer ordentlichen Verfassung bleiben. Das wäre doch viel günstiger und auch sehr viel einfacher, um die Gesundheit der Leute zu erhalten. Zudem hätte die Abteilung für Sporenabwehr sehr viel weniger Ausgaben und Arbeit.
Ihre Überlegungen erschienen ihr vernünftig genug, um sie dem Amt für Sporenabwehr mitzuteilen. Sie griff zum Hörer und drückte die Tasten der Hotline der Abteilung für Sporenabwehr. Sie hatte sich die Nummer neben das Telefon bereitgelegt. Außerdem hatte sie sich noch ein Glas Wasser neben das Telefon gestellt, für den Fall, dass sie während des Telefonats einen trockenen Mund bekommen würde. Die Luft in ihrer Wohnung war meist sehr trocken, weil sich die Fenster nicht so leicht öffnen ließen. Die Klimatisierung erfolgte über ein internes Filter- und Belüftungssystem.
Nachdem Joan die Tasten gedrückt hatte, lauschte sie in den schwarzen Hörer ihres Telefons: zuerst ein knackendes Rauschen, dem folgte das Freizeichen, es tutete dreimal. Sie warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster: ein strahlend blauer Himmel, der von vielen Kondensstreifen zersetzt war. Ein Geflecht, ein Netz, das sich über die Dächer der Wohnlage spannte.
Eine automatisierte Frauenstimme der Abteilung für Sporenabwehr meldete sich am anderen Ende der Leitung:
„Sporenabwehr-Informationsdienst, hier spricht Ihre künstliche Johanna. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Entsperrmusteraktualisierung haben, drücken Sie bitte die 1. Haben Sie Fragen zur Zusammensetzung des Aerosols, drücken Sie bitte die 2. Möchten Sie einen Termin mit Ihrem Commander Zero vereinbaren, drücken Sie die 3. Haben Sie Fragen zur Selbsthilfegruppe für Entsperrmuster-Verweigerer, drücken Sie die 4. Bei allgemeinen Fragen zur Sporenabwehr drücken Sie die 5. Möchten Sie sich für eine Stelle in der Abteilung für Sporenabwehr bewerben, drücken Sie die 0. Ansonsten legen Sie einfach auf.“
Joan hörte sich die Ansage noch ein weiteres Mal an, dabei trank sie einen Schluck Leitungswasser. Joan triftete langsam in einen traumartigen Zustand ab. Sie wusste nicht, welche Nummer sie drücken sollte.
Als sie geistesabwesend im Wasserglas das neben dem Telefon stand einen winzigen, transparent aussehenden Wurm entdeckte; der sich kräuselte und zuckend durch das Wasser bewegte, geriet sie in einen panischen Zustand. Erschrocken ließ sie den Hörer fallen, stürzte zum Spülbecken und spuckte das Wasser aus. Dann schüttete sie das Wasser aus dem Glas in das Spülbecken.
Den Telefonhörer hatte sie auf den Tisch fallen lassen, die automatische Frauenstimme war immer noch zu hören:
„Möchten Sie einen Termin mit Ihrem Commander Zero vereinbaren, drücken Sie die 3. Haben Sie Fragen zur Selbsthilfegruppe für Entsperrmuster-Verweigerer, drücken Sie die 4. Bei allgemeinen Fragen zur Sporenabwehr drücken Sie die 5. Möchten Sie sich für eine Stelle in der Abteilung für Sporenabwehr bewerben, drücken Sie die 0.“
Angeekelt steckte sich Joan den Finger in den Hals. Die Vorstellung, dass sie mehrere von diesen herumzuckenden Würmern geschluckt hatte, bereitete ihr einen Brechreiz. Dann fing sie an zu schwitzenn und zu hyperventilieren.
Nachdem sie einige Male gewürgt hatte, aber nichts aus ihrem Bauch herauskam, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie schenkte sich noch ein Glas Wasser aus dem Wasserhahn ein und hielt das Glas gegen das Licht. Aber es sah völlig normal aus. Kein transparentes, zuckendes Etwas. Hatte sie sich alles nur eingebildet?
Sie untersuchte das Spülbecken nach dem kleinen Wurm, aber sie konnte nichts finden. Sie setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Sie war erschöpft. Die automatische Frauenstimme flüsterte immer noch vor sich hin, bis es knackte und dann nur noch rauschte.
Lag das vielleicht daran, dass sie das Entsperrmuster ausgesetzt hatte?
Joan war verwirrt.
– Eintrag 9
Joan bekommt die Einladung
9. Die Einladung
Bereits am nächsten Morgen lag in Joans Briefkasten eine Einladung zum Interview bei ihrem Commander Zero. Joan hatte immer nur von diesen Commander-Zero-Interviews gehört. Alle Leute, die sie kannte, waren mit der regelmäßigen Entsperrmuster-Aktualisierung einverstanden. Sie kannte niemanden, der jemals einen Commander Zero sehen musste. Und nun war sie es, der das passierte. Sie hatte überhaupt keine Lust auf so ein Interview. Sie konnte sich auch nichts darunter vorstellen und sah auch keine Notwendigkeit, warum sie das tun sollte.
Der Brief lag in ihrem Briefkasten. Es war ein hellblauer Umschlag, auf dem ihr Name und eine Kennnummer standen. Joan Kowalski – KN: 4223VZ
Sie steckte den Brief in ihre Jackentasche und schloss den Briefkasten. Ein Nachbar kam aus dem Fahrstuhl auf sie zu gelaufen. Das Licht aus dem Fahrstuhl flackerte. Joan trug Turnschuhe und Freizeitkleidung, ihre dunkelblaue Fleecejacke hing lose über ihren Schultern.
„Guten Morgen, Frau Kowalski! Haben Sie heute Post bekommen?“, fragte der Nachbar neugierig.
Es war Herr Schulz, der im selben Stockwerk wie sie wohnte, im Apartment 58. Er blieb stehen und musterte Joan von oben bis unten und sah dabei sehr kritisch aus.
Heutzutage lebten alle alleine, jeder für sich in einem Apartment. Die Regierung hatte vor fünf Jahren beschlossen, dass es das Beste sei, wenn jeder für sich wohnte. Natürlich wurden schnell die entsprechenden Gesetze dazu erlassen; seitdem ist das Pflicht. Es ist aber erlaubt, Fremde mit in das Apartment zu nehmen – für zwei Stunden. Jedoch tut das kaum jemand. Die meisten machen sich zu große Sorgen über ansteckende Krankheiten. Es wird generell vermieden, andere anzufassen.
Joan lächelte. „Ja, man bekommt ja fast keine Post mehr – das Abwasserwerk, Gebührenerhöhungen und so weiter!“, sagte Joan. Sie zuckte mit ihren Schultern.
„
Die Umschläge des Wasserwerks sind aber für gewöhnlich gelb, und Ihrer da in der Jackentasche sieht hellblau aus! Ich tippe auf Abteilung Sporenabwehr. Ist Ihre Aktualisierung fällig?“ Herr Schulz zeigte auf die Spitze des Umschlages, der aus ihrer Tasche herausguckte.
Joan legte ihre Hand darüber. „Ach ja, genau, diese Aktualisierungen halten uns beschäftigt!“, sagte Joan nervös. „Und wo geht’s heute hin, Herr Schulz?“ Joan blinzelte.
„Aber sie sind die beste Lösung. Wir können froh sein, dass wir unsere Aktualisierungen bekommen. Es stünde sehr schlecht um uns, Frau Kowalski. Wussten Sie, dass es Leute gibt, die sich verweigern? Ich gehe ins Bahnhofsviertel, ein paar Sachen einkaufen.“
Joan lächelte gezwungen. „Ach ja, da sagen Sie was. Ich verstehe das auch nicht. Aktualisierungen sind eine gute Sache, Herr Schulz!“, erwiderte Joan und klopfte sich einen unsichtbaren Fussel von ihrer Jacke.
„Sie sollten auf sich achtgeben, Frau Kowalski!“, sagte Herr Schulz und öffnete die Haustür.
„Dann noch einen schönen Tag, Herr Schulz!“, sagte Joan und huschte in den Fahrstuhl. Herr Schulz blickte ihr hinterher, nickte mit dem Kopf und verließ das Haus.
Joan drückte den Knopf ihres Stockwerks. Automatisch verschloss sich die Fahrstuhltür. Das Licht flackerte.
Joan überkam ein unbehagliches Gefühl. Ein Gefühl, als wäre für sie etwas Unwiederbringliches geschehen – etwas, das ihr Leben für immer verändern sollte. Es machte ihr Angst, aber sie fand es auch aufregend.
Sie schob den Brief tiefer in ihre Tasche, damit sie nicht noch jemand darauf ansprechen konnte. Unsichtbarkeit war die beste Waffe gegen zu neugierige Mitmenschen. Und heutzutage war quasi jeder eine wandelnde Überwachungskamera.
Aber für dieses System war Joan alles andere als unsichtbar. Sie hatte sich jetzt bei ihrem Commander Zero zu melden. Das heißt, sie stand jetzt im Fokus. Was auch immer das für Konsequenzen haben wird. Es schien als würde Joan langsam aus einem System in ein Nirgendwo purzeln.
– Eintrag 10
Anton und die leere Kühlvitrine
10. Götterspeise
Um 13 Uhr, in der Kantine der Abteilung für Sporenabwehr: Anton stand in der Schlange der Essensausgabe und schob sein Tablett immer um einige Zentimeter auf der Schiene vor sich her. Dieses Mal würde er sich definitiv einen Nachtisch auf sein Tablett stellen.
Anton hatte beschlossen, sich eines der Schälchen mit Götterspeise zu nehmen, gleichgültig, wie viele in einer Reihe standen oder wie auch immer sie angeordnet waren – symmetrisch oder asymmetrisch. Heute sollte das für ihn keine Rolle spielen!
Vor und hinter ihm schoben Mitarbeiter der Abteilung für Sporenabwehr auf ähnliche Weise ihre Tabletts auf der Schiene in Richtung Kühltheke der Nachtische. Sie alle hatten einen Teller mit einem Hauptgericht auf ihren Tabletts. Es gab jeden Tag drei Hauptgerichte. Anton hatte sich für Bohneneintopf und vegetarisches Formfleisch entschieden sowie für ein kleines Schüsselchen Gurkensalat.
Wie ein stummer Körper bewegte er sich durch den schlecht belüfteten Raum, der von dem konstanten Pegel an Gemurmel durchsetzt war. Die Wände der Kantine waren hellgrün gestrichen, und der Boden bestand aus einem stumpfgrauen Kunststofflaminat. Aus dem Stimmengewirr konnte er das eine oder andere Wort heraushören: „Ausschlag“, „Abend“, „Kartoffeln“, „Lichtschalter“, „Frau Schulz“, „Entsperrmuster!“.
Er dachte nie darüber nach, wem seine Arbeit tatsächlich diente. Er sorgte lediglich dafür, dass seine Listen fristgerecht abgearbeitet wurden und die Übergabe der aktuellen Formulare stattfand. Er war ein wichtiger Bestandteil dieser Welt, damit eine einwandfreie Abwicklung der Aktualisierungen stattfinden konnte.
Er hatte keinerlei Zweifel daran, ob diese Entsperrmuster-Angelegenheit wirklich jemandem Nutzen brachte und ob deren Zweck auch der war, der er vorgab zu sein. Oder ob vielleicht etwas ganz anderes dahinterstand. Er hatte sein Leben, er hatte seine Arbeit, und sie füllte seine Tage aus. Das war das Wichtigste!
Anton ließ die Aktualisierungen über sich ergehen. Auch er stand in regelmäßigen Abständen auf seiner Liste.
Die Vorteile lagen auf der Hand. Das Entsperrmuster war der Hauptfaktor zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung, die sich ein paar sehr intelligente Menschen ausgedacht hatten, um die zwischenmenschlichen Probleme ein für alle Mal in den Griff zu bekommen.
Seine Wirkung bestand darin, Selbstzweifel und unvorteilhafte Gefühle einer Person zu neutralisieren und sie dadurch für die positiven Botschaften der öffentlichen Kanäle offen zu machen.
Eine emotionale Firewall, die auf bio-digital-chemische Weise funktionierte – wie genau, wollte eigentlich niemand wissen.
Schließlich ging es darum, den Leuten zu helfen, ein ausgeglichenes und zufriedenes Leben zu ermöglichen, sodass jeder einen Platz in der Gesellschaft hatte. Die Entsperrmuster-Technologie der Abteilung für Sporenabwehr hatte alle Psychopharmaka, Therapien ersetzt. Nun gab es nur noch regelmäßige Upgrades. Ansonsten gehörte das Thema düstere Geistesverfassung der Vergangenheit an. Es war, wenn man so will, eine psychologische, nanotechnologische Revolution!
Ohne Upgrades würden all die entsetzlichen emotionalen und seelischen Zustände zurückkehren. Und das wollte keiner! Daher war seine Aufgabe eine gute Aufgabe. Nie im Leben würde er auf die Idee kommen, eine Aktualisierung zu vergessen, geschweige denn, absichtlich damit aufzuhören.
Vor ihm stand die Frau aus der Abteilung Korrektur an der Kühlvitrine und nahm sich unglücklicherweise das letzte der Schälchen mit grüner Götterspeise und goss sich naturidentische Vanillesoße darüber. Als Anton an der Reihe war, musste er mit der Tatsache leben, dass die Nachtisch-Kühlvitrine leer war. Kein einziges Schälchen stand mehr unter dem flackernden Neonlicht. Nur die Plexiglaskaraffe mit der naturidentischen Vanillesoße stand da.
„Da haben wir wohl Pech gehabt!“, hörte er eine Stimme hinter sich sagen.
Anton drehte sich um. Es war ein Mitarbeiter seiner Abteilung. Frank von der Logistischen Planung räusperte sich und zog einen Mundwinkel nach oben.
„Ja, das ist überhaupt nicht gut!“, sagte Anton. „Aber vielleicht bringen die ja gleich noch ein paar Schüsselchen mit Nachtisch!“, fügte er verunsichert hinzu.
„Wohl kaum, dafür ist es zu spät. Keine Küchenmitarbeiter weit und breit!“, meinte Frank, zuckte mit den Schultern und zeigte auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand.
„Das Beste ist, Sie verzichten auf Ihren Nachtisch und gehen stattdessen zum Scanner. Weil wenn sie länger so dastehen halten Sie uns nur unnötig auf!“, sagte Frank lächelnd.
Anton spürte so etwas wie Verwirrung, die allerdings schnell zerstreut wurde und durch eine Art merkwürdige Zufriedenheit ersetzt wurde.
Die temporäre Verzweiflung zeigte ihm allerdings, dass sein Entsperrmuster schon bald aktualisiert werden musste.
Seltsam zufrieden schob er sein Tablett mit dem Essen in Richtung Scanner.
– Eintrag 11
Joan am Fenster
11. Der Wurm und die Erinnerung
Das Wasser aus dem Wasserhahn durchläuft jede Menge Filtersysteme und Reinigungsschritte. Joan hatte nie irgendeinen Gedanken daran verschwendet, dass das, was aus dem Wasserhahn kommt, womöglich mit ekelhaften Parasiten kontaminiert sein könnte. Oder war das nur eine Halluzination gewesen, verursacht durch das Absetzen ihrer Aktualisierung?
Draußen, vor dem Fenster, regnete es. Über den grüngrauen Dächern der Mehrzellen-Wohnanlage hing eine neblige Wolkendecke, und einige schwarze Vögel saßen auf den Leitungen und Wasserrinnen. Sie dachte an das Formular, das sich immer noch unbearbeitet in ihrer Ablage befand. Zur Aktualisierung ihres Entsperrmusters müsste sie nur das FSP E42 ausfüllen. Es waren allgemeine Fragen zu ihrer aktuellen Lage und Befindlichkeit. In dem Moment, in dem sie das Formular ausgefüllt der Abteilung Sporenabwehr übergeben würde, wäre die Einladung zu ihrem personalisierten Commander Zero zu diesem seltsamen Interview obsolet geworden.
Joan verlor langsam das Interesse an ihren täglichen Routinen und Abläufen. Sie hatte keine Lust, zur Arbeit zu gehen oder ihre täglichen Gymnastikübungen in der Sportgruppe zu absolvieren. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich mit dieser ganzen Entsperrmuster-Aktualisierung oder, noch schlimmer, jetzt sogar mit diesem Interview herumschlagen musste. All das gefiel ihr überhaupt nicht. Viel lieber würde sie einfach stundenlang an ihrem Fenster sitzen und diese schwarzen Vögel beobachten, die sie nie wirklich gesehen hatte. Dann war da noch diese seltsame Sache mit dem Wurm im Wasser.
Sie stellte ein Glas, welches sie zuvor gründlich mit einem sauberen Tuch ausgetrocknet hatte, unter den Wasserhahn und drehte ihn auf. Das Glas füllte sich mit Wasser. Anschließend hielt sie es gegen das Licht des Fensters und untersuchte den Inhalt. Sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Kein Wurm oder etwas Vergleichbares war im Wasser, lediglich Wasser mit den typischen kleinen Luftbläschen. Diese Wurm Sache- wahrscheinlich doch alles nur eine Halluzination.
Sie ärgerte sich, dass sie das Wasser ausgeschüttet hatte. Es wäre schlauer von ihr gewesen, hätte sie das Glas einfach irgendwo hingestellt, um zu sehen, ob das, was im Wasser war, auch nach einer bestimmten Zeit noch darin gewesen wäre. Nun war es eine irgendwie unwirkliche Erinnerung geworden. Es konnte so gewesen sein, aber es konnte auch anders gewesen sein. Sie fühlte Unsicherheit darüber, was wirklich passiert war.
Wenn sie das Glas nur irgendwo hingestellt hätte, wäre eventuell auch die Frage geklärt worden, ob das alles etwas mit ihrer Weigerung zu tun hatte, dass sie das Entsperrmuster nicht hatte aktualisieren lassen. Also es passierten vielleicht Dinge die keiner erwartete?
Sie trank einen Schluck von dem Wasser. Es schmeckte wie immer, ein wenig kalkig. Sie musste husten. Dann stellte sie sich mit dem Glas in der Hand an das Fenster und schaute hinaus. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal diese seltsame Welt da draußen so lebendig und klar gesehen hatte. Die Welt war nicht besser, aber sehr viel deutlicher geworden. Als wäre ein lähmender Nebel dabei, sich zu verziehen.
Dann hatte sie heute Nacht auch noch etwas geträumt. Wann hatte sie das letzte Mal geträumt? Es war ein Traum voll mit seltsamen Bildern und Situationen. Aber vielleicht war das alles überhaupt kein Traum gewesen, sondern vielmehr die Erinnerung an ein anderes Leben. Ein Leben mit etwas mehr Leben darin!