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Joan und das Amt für Sporenabwehr

Willkommen beim Fernschreiber [Dem Amt für Sporenabwehr & Kurzgeschichten & seinem Roman]

Der Fernschreiber ist ein unbekannter Schriftsteller, der hier täglich über das >>> Amt für Sporenabwehr Artikel schreibt. Manchmal erscheinen die Artikel unregelmäßig, wer genau dieser Fernschreiber ist, spielt keine Rolle!

Das Amt für Sporenabwehr

Mitarbeiter der Abteilung Sporenabwehr in einer vollen U-Bahn, umgeben von maskierten Menschen.
Der Mann von der Apt. Sporenabwehr.

1. Der Anruf

Gegen fünf Uhr rief das Amt für Sporenabwehr an. Die Männerstimme plapperte aus Joans Telefon in knappen, monotonen Sätzen. Ihre Hände kalt und feucht, gerade so, als wäre schon alles unterschrieben.

Auf dem Küchentisch lag ihre to-do-Liste, ihr persönlicher Haftbefehl. „Einen Moment“, flüsterte Joan in den Hörer und legte ihn neben das Telefon. Der Kühlschrank summte. Diese Typen tragen alle graue Uniformen, mit einem einhämmernden Zeichen drauf.

An diesem Morgen fasste Joan den Entschluss, aus dieser Angelegenheit auszusteigen. Sie legte den Hörer auf die Gabel und unterbrach damit die Verbindung. Die Welt hielt den Atem an. Den ganzen Morgen schrieb sie an einem Manuskript über strukturelle Modifikationen der Zirbeldrüse. Das Kabel in der Wand knisterte. „Bald brennen hier alle Sicherungen durch!“, dachte Joan.

Dann wird demnächst auch noch die Zwei-Tages-Frist für ihren Antrag auf Aufschub verstrichen sein. Die Server speichern alles. Am Abend lag dann ein karierter Zettel vor ihrer Haustür: „Bitte beantworten Sie unsere Anfragen frist- und sachgerecht!" Gez. Abt. Sporenabwehr. Sie legte den Zettel in die Ablage.

Noch drei so Tage, und sie könnte eine LED-Birne aus ihrem Kopf schrauben. Waren die Möbel überhaupt Möbel? Die Welt um sie herum murmelte über alle erdenklichen Auflagen. Wie hinter Plexiglas.

Spät am Abend kam dann noch der Bote des Amtes. Stumm wie ein Fisch, übergab er ihr das Formular. Joan legte auch das in die blaue Ablage. Der Bote verzog seine schmalen Lippen und verschwand im Hintergrund. "Die Sporenabwehr benötigt ihre Mitarbeit!" Lautete die Überschrift. Etwas Unbearbeitbares lag in der Luft.

Mitarbeiter der Abteilung Sporenabwehr in einem Großraumbüro voller Computer.
Joan – die Stimme aus der Gegensprechanlage.

2. Das Entsperrmuster

Gegen Nachmittag klopfte es an der Tür. Joan blieb sitzen. Dann läutete es. Sie stand auf und drückte den Knopf der Gegensprechanlage. „Wer ist da?“, das Formular lag immernoch unbearbeitet in der Ablage. „Nur Routine“, schepperte eine Stimme aus dem kleinen Lautsprecher.

In der Steckdose flimmerte es. Die Wolken vor dem Fenster sahen aus wie stehen gebliebene Asche. Joan überlegte, ob im Kühlschrank noch genügend Lebensmittel waren.

Wozu braucht diese Welt überhaupt Formulare? „Es geht um ihr aktuelles Entsperrmuster der Sporenabwehr!“, schepperte die Stimme aus der Gegensprechanlage weiter.

„Ich weiß nicht, ob ich das brauche!“, sagte Joan und griff nach dem Formular aus der Ablage. "Das läuft doch alles nur auf eine penetrante Selbstbefragung hinaus. Und das wiederum läuft auf Traumkrebs hinaus!"

„Gibt es dazu auch eine Checkliste?“, wollte Joan wissen, um Zeit zu gewinnen.

„Die Sporenabwehr im persönlichen Umfeld braucht keine Checkliste. Füllen Sie einfach das Formular frist- und sachgerecht aus, dann wird der Entsperrmuster aktiviert!“, schepperte die Stimme.

Warum waren diese Formulare eigentlich immer vordatiert? ... Damit die Sporenabwehr aktiviert werden kann, benötigen wir das aktuelle Entsperrmuster! Stand unter der Überschrift.

Noch mehr von diesen Tagen, und Joan würde die infernale Diskussion mit dem Rauchmelder beginnen. Die Welt war ein scheiß Kubus.

Sie lauschte den hektischen Stimmen im Hausflur, wahrscheinlich zwei Nachbarinnen. Sie redeten über ihre Frisuren.

Im Treppenhaus stand ein Stuhl. Joan legte das Formular in die Ablage zurück. Die alte Frau, die sich den Stuhl ins Treppenhaus gestellt hatte, lebt nicht mehr.

Das Unprüfbare war zu einem festen Bestandteil des Systems geworden.

Mitarbeiter der Abteilung Sporenabwehr an einem Kopierer im Großraumbüro.
Anton – Abt. Sporenabwehr am Kopierer.

3. Das Amt

Die Kontrolllampe des Rank-Xerox-Kopierers blinkte. Anton arbeitete in der Abteilung für Sporenabwehr. Nervös blickte er um sich. Er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er hasste penetrante Fragen von Mitarbeitern. Er stand ratlos neben dem Kopierer und überlegte, ob es sich vielleicht nur um einen Papierstau handelte.

Über den Trennwänden des Großraumbüros leuchtete das bläulich-weiße Licht der Leuchtstoffröhren ununterbrochenen. Bis auf eine Leuchtstoffröhre in der Nähe der Toiletten, die flackerte und brummte.

Anton wollte 50 Kopien des neuen Sporenabwehr-Protokolls und des dafür notwendigen Formulars- das FSP E42 ausdrucken. Es ging um das aktualisierte Entsperrmuster. Denn ohne implementierung eines aktualisierten Entsperrmusters war das Sporenabwehrprotokoll schon bald wirkungslos.

„Wahrscheinlich doch nur ein Papierstau“, dachte Anton und untersuchte so unauffällig wie möglich das Gerät. Die Anzeige flimmerte. Die kleinen Lämpchen in dem Gerät waren nicht mehr die neusten.

Anton beugte sich nach unten und zerrte an Klappe A. Es gab noch eine Klappe B und C. Der Mitarbeiter in Zelle 623 B schielte über die Trennwand.

„Dieser Kopierer erfüllt seine Funktion nicht!“, sagte Anton zu dem neugierigen Mitarbeiter in Zelle 623 B. „Melde es der Büro-Support-Einheit!“, empfahl der Mitarbeiter aus Zelle 623 B.

Anton zog an dem Bogen Papier, der zwischen zwei Walzen klemmte. Dabei zerriss er es.

„Die Abteilung für Sporenabwehr hat zwei Kopierer desselben Modells. Vielleicht benutze ich einfach den anderen Kopierer!“, sagte Anton zu dem Mitarbeiter in Zelle 623 B, so leise wie er konnte, um nicht noch mehr Mitarbeiter auf sich aufmerksam zu machen.

„Falls Sie mit diesem Kopierer das aktuelle FSP E42 kopieren wollten und in dem Gerät noch ein Exemplar davon steckt, dann muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie es erst entfernen lassen müssen, weil ein FSP E42 einer Freigabe 2B unterliegt!“

„Warum haben Kopierer überhaupt so viele Klappen?“, murmelte er. Er schaute nervös um sich.

Die Luft im Großraumbüro roch in erster Linie nach dem hellgrünen Plastikfaser-Teppich.

„Ich muss diese Sporenabwehrprotokoll Entsperrmuster Sache heute abschließen, sonst haben wir hier ein Problem“, dachte Anton. An seiner linken Hand klebte Tonerstaub.

Auf der grauen Pinnwand neben dem Gerät hing eine laminierte Anweisung, was im Falle eines technischen Problems zu tun war. Jemand hatte mit Kugelschreiber eine Nummer der Büro-Support-Einheit daneben gekritzelt.

Anton hörte wie jemand aufgeregt aufs eine Tastatur hämmerte.

Er zerknüllte das Papier und warf es in den Papierkorb. Dann starrte er auf die hingekritztelte Nummer der Büro-Support-Einheit.

Das aktualisierte Sporenabwehrprotokoll wird hoffentlich auch solche unangenehmen Situationen ausmerzen, dachte Anton.

Mitarbeiter der Abteilung Sporenabwehr in der Kantine.
Anton – Abt. Sporenabwehr vor der Kühlvitrine.

4. Die Ordnug der Systeme

Kurze Zeit später, in der Kantine der Abteilung für Sporenabwehr. Anton stand regungslos, geradezu erstarrt vor der Kühlvitrine, hinter deren Glasscheibe 31 Glasschälchen mit Götterspeise in einer bestimmten Ordnung standen: Reihen zu jeweils vier Glasschälchen. Bis auf eine Reihe, die nur drei Glasschälchen zählte. 15 Glasschälchen mit roter und 16 Glasschälchen mit grüner Götterspeise.

Im Grunde machte sich Anton nichts aus Götterspeise, aber er störte sich an unsymmetrischen Anordnungen. Was Götterspeise betraf, lief es bei Anton darauf hinaus, dass er die Vanillesauce ablöffelte und den Rest so lange verrührte, bis eine gefärbte Suppe übrig blieb. Aber würde er jetzt dieses eine grüne Schälchen nehmen, dann wäre zumindest für einen kurzen Zeitraum das symmetrische Gleichgewicht wiederhergestellt. Und ging es nicht auch in seiner Abteilung für Sporenabwehr um die Aufrechterhaltung einer gewissen Ordnung?

Links die grünen, rechts die roten Götterspeise-Glasschälchen. Es gab sogar eine unsichtbare Kante, als hätte eine Art Kalibrierung stattgefunden. Die Oberflächen der Götterspeisen waren noch in Ruhe, aber würde jemand mit dem Tablett gegen die Kühlvitrine stoßen, dann würden sich die Oberflächen zweifellos bewegen.

„Nehmen Sie sich einen Nachtisch?“, sagte die Kantinenkraft hinter der Kühlvitrine. Anton hatte sie gar nicht bemerkt.

Anton nickte. Auf seinem Tablett befand sich sein Standardmittagessen: Kartoffelpüree, zwei Scheiben Kochfleisch, dazu ein bunter Gemüsemix. Nur die Sache mit der Götterspeise war noch nicht entschieden.

„Es gibt grüne und rote Götterspeise!“, sagte die kräftige Frau, in ihrer typischen Küchenuniform der Abteilung für Sporenabwehr. „Ich sehe das!“, erwiderte Anton leise.

Neben den Schüsseln stand eine Plexiglaskaraffe mit Vanillesauce. Die Vanillesauce war keine natürliche, sondern nur aus naturidentischen Geschmacksstoffen. Anton wusste sogar einmal, wie man diesen naturidentischen Stoff nennt. Irgendwo neben der Kühlvitrine musste das auf einer Tafel oder sowas stehen.

Eine Frau, die auch in seiner Abteilung arbeitete, griff völlig überraschend von der Seite in die geöffnete Kühlvitrine und nahm sich ein Glasschälchen der roten Götterspeise. Jetzt war die Sache völlig aus dem Ruder, dachte Anton, und schob resignert sein Tablett mit dem Essen in Richtung Scanner.

Anton schwieg. Die Frau aus seiner Abteilung schaute ihn fragend an.

„Warum haben Sie keine grüne genommen?“, wollte Anton wissen.

Dann räusperte er sich. „Es gibt keinen Grund!“, war die Antwort der Mitarbeiterin, die unglaublich schmale Lippen hatte, fast so, als hätte sie gar keine, nur eine Öffnung, hinter der sich jede Menge Zähne befanden.

„Es gibt immer einen!“, sagte Anton. „Sie sollten zum Scanner gehen, Kollege, ansonsten halten Sie hier alles auf“, sagte sie und versuchte dabei irgendwie nett zu sein.

Die Kantinenkraft verschwand in der Küche. Anton schob das Tablett unter dem Scanner hindurch und murmelte: „Es gibt immer einen! Es gibt immer einen Grund!“

aktualisierung des Musters.
Joan aktualisiert das Entsperrmuster.

5. Die aktualisierung des Entsperrmusters

Das FSP E42 ist das wichtigste Formular der Abteilung für Sporenabwehr und wird zur Aktualisierung des personalisierten Datensatzes benötigt. Die personalisierten Datensätze werden im Großrechner der Abteilung für Sporenabwehr ausgewertet. Jeder Datensatz beinhaltet wesentliche, personenbezogene Informationen, die notwendig sind, um das personalisierte Entsperrmuster herzustellen. Das Entsperrmuster ist genau genommen ein aus Nanopartikeln hergestelltes Aerosol, das als Spray an jeden Mitbewohner des Staatsgebietes ausgeliefert wird. Die Auslieferung findet in regelmäßigen Zeitabständen statt. Worum geht es dabei? Es geht darum, dass sämtliche Übertragungen, seitens der staatlichen Ausstrahlungsorgane ungefiltert jede Person erreicht und unnötiges Kritisieren und oder Hinterfragen von vornherein unterdrückt.

Es mag widersprüchlich klingen. Aber die eigentliche Sporenabwehr besteht nicht darin, das Eindringen zu verhindern, sondern vielmehr darin, das Eindringen zu optimieren. In diesem Fall ist die Spore die lästige, selbstbestimmte Auswertung der Fremdinformationen seitens der Person.

Denn die hochfrequente Wellenübertragung, der ständige Kontakt zum Staatssystem muss unter allen Umständen aufrechterhalten bleiben. Denn nur so funktioniert unsere komplizierte Welt. Daher sorgen die Mitarbeiter der Abteilung für Sporenabwehr dafür, dass jeder Bürger in einem optimal integrierten Zustand bleibt.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt auf der Hand: Keine unnötigen Diskussionen, oder gesellschaftliche Verwerfungen über die viel zu überbewertete Meinungsfreiheit. Nur so kann gewährleistet werden das der Ansichtenbildungsprozesse auf einem akzeptablen Nullpunkt gehalten wird.

Antons Arbeit besteht darin, das aktualisierte Formular, das FSP E42, einer Person seiner Liste, zukommen zu lassen und dafür zu sorgen, dass der Datensatz aktualisiert und synchronisiert wird. Im nächsten Schritt würde dann das nanotechnologische Produkt berechnet, dann generiert und schließlich ausgeliefert werden. Die Sprays sind entsprechend verpackt an die Person auszuliefern. Jedes Entsperrmuster hat immer nur eine bestimmte Haltbarkeitszeit, dann dringen schadhafte Informationen und Ideen usw. durch das Sporenabwehrsystem hindurch. Die Person wird dann anfällig für Fremdmeinungen, Fremdgedanken sowie fragwürdiger Verhaltensweisen und Ansichten.

Alle Sprays müssen standardgemäß ausgeliefert und müssen innerhalb von 8 Stunden angewendet werden. Dazu öffnet die Person den Sicherheitsverschluss, schraubt das desinfizierte Röhrchen an die Öffnung und schiebt sich das Röhrchen so weit wie möglich in den Rachen. Ein Brechreiz wird vermieden, indem das Röhrchen nicht den Rachen berührt. Durch einmaliges Drücken gelangen genügend nanotechnologische Partikel in den Organismus, die dann das aktuelle Entsperrmuster aufbauen. Danach kann die Hochfrequenzmodulation ihre gewohnte Arbeit wiederaufnehmen und die brüchige Gleichschaltung wird auf das optimale Ausgangsniveau zurück gesetzt.

Für den seltenen Fall, dass eine Person sich weigern sollte, ihr Entsperrmuster aktualisieren zu lassen, wird man ihr nahelegen, sich unverzüglich in der Abteilung für freundliche Kooperation an zu melden, um dort das entsprechende Interview mit ihrem zugewiesenen Commander Zero zu erhalten. Und wer sogar das Interview mit einem Commander Zero ablehnt, der muss sich bei der Selbshilfegruppen für Entsperrmusterverweigerer einschreiben und sich unverzüglich bei einem ihrer nächsten Treffen einfinden.

Die Verweigerung
Joan verweigert das FSP E42

6. Die Verweigerung

Joan öffnete schließlich ihre Haustür. Anton stand mit seiner Aktentasche unter dem Arm geklemmt vor ihr.

„Sie haben das FSP E42 ausgefüllt, Frau Hinz? Joan Hinz ist doch Ihr vollständiger Name, oder besitzen Sie noch einen Zweitnamen?“, Anton warf mehrere Blicke um Joan herum, gerade so, als ob viele kleine Flugobjekte um Joan herum schwirrten.

„Ich habe das FSP E42 nicht ausgefüllt!“, erwiderte Joan, ohne ihr Gesicht zu verziehen. Sie versuchte nicht mal zu lächeln. „Was heißt das, Sie haben das FSP E42 nicht ausgefüllt?“, fragte Anton und hustete. „Das heißt, dass ich das FSP E42 nicht ausgefüllt habe! Wollen Sie nicht reinkommen?“, fragte Joan. „Das ist nicht nötig!“, antwortete Anton und hustete noch mal. „Wollen Sie ein Glas Wasser?“, fragte Joan. „Auch das ist nicht nötig, Frau Hinz, ich bin lediglich hier, um das ausgefüllte FSP E42 entgegenzunehmen, damit wir Ihr Entsperrmuster aktualisieren können, Frau Hinz, aus keinem anderen Grund!“, sagte Anton, während er sich räusperte.

„Nun ist das aber nicht möglich, da ich das FSP E42 nicht ausgefüllt habe und auch nicht vorhabe, es auszufüllen, Herr... Herr... wie heißen Sie eigentlich?!“, wollte Joan wissen.

„Einen Moment, Frau Hinz!“, Anton nahm die Aktentasche zur Hand, öffnete sie und zog eine kleine weiße Karte heraus, auf der sein Name, seine Kennnummer und seine Abteilung in kleinen schwarzen Buchstaben darauf gedruckt waren, hielt sie Joan vor die Nase, dann steckte er sie wieder in seine Aktentasche zurück.

„Sie sind also Herr Schmidt mit dt, also Herr Anton Schmidt, also was machen wir, Herr Anton Schmidt, was ist Ihr Plan?“, fragte Joan.

„In diesem Fall, Frau Hinz, sehe ich mich leider gezwungen, eine Notiz zu machen, einen Vermerk ihrer Verweigerung auf meiner Liste, Sie werden dann zeitnah einen Bescheid erhalten mit der Aufforderung, sich bei Ihrem Commander Zero zu melden, für das Interview!“, Anton blickte, während er das sagte, auf Joans Schuhspitzen.

„Sie sehen sich gezwungen, diesen Vermerk zu tun?“, fragte Joan.

„So ist es!“, Anton nahm wieder seine Aktentasche zur Hand, zog ein Formular heraus, presste es an die Wand des Hausflurs und machte seinen Vermerk. Dann steckte er das Formular wieder zurück in seine Aktentasche.

„Jetzt haben Sie Ihren Vermerk gemacht?!“, fragte Joan.

„Das ist korrekt Frau Hinz...Sie hören von uns!“, sagte Anton und machte kehrt.

Joan schaute ihm noch eine Weile nach, bis er im langen Treppenflur verschwand, dann hörte sie noch eine Zeit lang seine Schritte im Treppenhaus und eine Tür, die quietschend ins Schloss fiel. „Er sieht sich gezwungen, das zu tun!“, flüsterte Joan und schloss ihre Haustür.

SP Der Woche
SP Violett SA - Spiceperson der Woche

7. Die Spiceperson der Woche

Das Entsperrmuster als Aerosol in der praktischen Einweg-Sprühflasche ist ein personalisiertes Produkt. Der staatlich subventionierte und weltweit agierende Konzern SpiceDesign Corp. (SD Corp.) legt sehr großen Wert auf Qualität, Diversität und Nachhaltigkeit. Unsere Mitarbeiter sprechen sich mit einem geschlechtsneutralen Namen an. Bei der SD Corp. geht es immer nur um die Person. Mit der diversitären Geschäftsphilosophie wird ein neutrales Gleichgewicht zwischen Mitarbeiter und seiner bunten Umgebung hergestellt. So wird jeder Arbeitstag ein Tag, an dem nicht nur gearbeitet, sondern auch jeder in seinen ureigensten Identitäten bestätigt wird.

Ein Mitarbeiter, egal welcher Herkunft oder biologischen Grundstruktur, ist bei uns eine Spiceperson plus einer Farbe der Wahl, inklusive zweier neutraler Buchstaben. Zum Beispiel bin ich der Mitarbeiter, der für die Verpackung der Aerosole zuständig ist, meine Bezeichnung ist: SP Green VB; SP steht natürlich für Spiceperson. SpiceDesign Corp. ist einer der fortschrittlichsten Konzerne weltweit und führend auf dem Gebiet intelligenter Nanotechnologie im Lebensmittel- und psychopharmakologischen Sektor.

Dem aktuellen Entsperrmuster liegt das intelligente nanotechnologische Wissen der letzten 100 Jahre zugrunde. Wir von SpiceDesign legen großen Wert auf eine individuelle Botschaft mit einer individuellen Wirkung! Jede Nanobot-Kultur wird in einem exzellenten, hygienisch einwandfreien, dynamischen und nachhaltigen Milieu gezüchtet. Ein individueller DNA-Abstrich und das aktuelle FSP E42 liefern die Grundlage der personalisierten Entsperrmuster-Technologie. Das Aerosol in seinem zu 100 Prozent recycelbaren Material wird täglich dem Amt für Sporenabwehr ausgeliefert. Es ist in 20 Geschmacksrichtungen erhältlich, von Ananas bis Zitrone.

Durch unsere fortschrittliche Technologie und die Fürsorge staatlicher Organe gehören quälende, kritische Gedanken und zermürbendes selbstständiges Denken zu den entsetzlichen Leiden von gestern. Mithilfe der effizient organisierten Abteilung für Sporenabwehr und ihrer unterstützenden Unterabteilungen bieten wir jedem eine gesunde Lösung für jedes mentale Zerwürfnis sowie für diese lästigen, ausscherenden Gedankenmuster.

Beantragen Sie noch heute Ihr aktuelles FSP E42, damit auch Sie in den Genuss Ihres aktuellen Entsperrmusters kommen. Ihre hingebungsvollen Mitarbeiter der Spicedesign Corp. wünschen Ihnen ein Leben ohne belastenden Gedanken und oder zermürbenden Zweifeln an unserem wissenschaftlich ausgerichteten System!

Hochachtungsvoll Eure Spiceperson der Woche:

SP Violett SA

der wurm
Joan entdeckt den Wurm

8. Der Wurm

Zwischen 9 Uhr und 10 Uhr entschied Joan, das Amt für Sporenabwehr anzurufen. Seit sie ihre Aktualisierung ausgesetzt hatte, ging es ihr zwar nicht unbedingt besser, aber sie konnte wesentlich leichter einschlafen, und irgendwie fühlte sie sich klarer im Kopf, aber auch etwas unsicher. Diese kritischen Gedanken, die angeblich für jeden eine Tortur sein sollen, konnte sie bei sich bis jetzt nicht feststellen. Allerdings ist der Zeitraum zwischen der letzten Aktualisierung ihres Entsperrmusters und ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit auch noch nicht so groß, gerade mal neun Wochen. Für gewöhnlich werden alle zwei Monate Aktualisierungen vorgenommen, und seit dem Aufruf der letzten ist eine Woche vergangen. Dennoch erlebte Joan ihr Leben ein bisschen besser, und daher hatte sie sich vorgenommen, die Abteilung für Sporenabwehr darüber zu informieren, dass die regelmäßigen Entsperrmusteraktualisierungen nicht notwendig seien.

Joan dachte darüber nach, ob einfach eine bessere Ernährung und tägliche Bewegung ausreichen würden, um sich in einer ordentlichen Verfassung zu halten und so einen aktiven Beitrag zu einem gesunden Volkskörper zu leisten.

Zudem hätte die Abteilung für Sporenabwehr geringere Ausgaben und Arbeit. Diese Überlegungen erschienen ihr wichtig genug, um sie dem Amt für Sporenabwehr mitzuteilen. Sie griff zum Hörer und drückte die Tasten der Hotline der Abteilung für Sporenabwehr. Sie hatte sich die Nummer neben das Telefon bereitgelegt. Außerdem hatte sie sich noch ein Glas Wasser neben das Telefon gestellt, für den Fall, dass sie während des Telefonats zu husten beginnen würde. Die Luft in der Wohnung war immer sehr trocken, weil sich die Fenster nicht öffnen ließen. Die Klimatisierung erfolgte über das interne Filter- und Belüftungssystem.

Joan lauschte in den schwarzen Hörer ihres Tastentelefons: zuerst ein knackendes Rauschen, dem folgte das Freizeichen, es tutete dreimal. Sie warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster: ein strahlend blauer Himmel, der von vielen Kondensstreifen zersetzt war. Ein Geflecht, eine Art Netz, das sich über den Himmel spannte. Die automatische Frauenstimme der Abteilung für Sporenabwehr meldete sich am anderen Ende der Leitung: „Sporenabwehr-Informationsdienst. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Entsperrmusteraktualisierung haben, drücken Sie die 1, möchten Sie einen Termin mit Ihrem Commander Zero vereinbaren, drücken Sie die 2, haben Sie Fragen zur Selbsthilfegruppe für Entsperrmuster-Verweigerer, drücken Sie die 3, bei allgemeinen Fragen zum personalisierten Aerosol drücken Sie die 5, möchten Sie sich für eine Stelle in der Abteilung für Sporenabwehr bewerben, drücken Sie die 9, ansonsten legen Sie einfach auf.“

Joan hörte sich die Ansage noch ein weiteres Mal an, dabei trank sie einen Schluck Leitungswasser. Joan entdeckte im Wasser einen winzigen, transparent aussehenden Wurm; er kräuselte sich und bewegte sich zuckend durch das Wasser in ihrem Glas. Joan geriet in Panik, sie ließ den Hörer fallen, stürzte zum Spülbecken und spuckte das Wasser aus. Dann schüttete sie das Wasser aus ihrem Glas in das Spülbecken. Der Telefonhörer lag auf dem Tisch, die automatische Frauenstimme war leise zu hören: „Haben Sie Fragen zur Selbsthilfegruppe für Entsperrmuster-Verweigerer, drücken Sie die 3, bei allgemeinen Fragen zum personalisierten Aerosol drücken Sie die 5, möchten Sie sich für eine Stelle in der Abteilung für Sporenabwehr bewerben, drücken Sie die 9, ansonsten legen Sie einfach auf.“

Angewidert steckte sich Joan den Finger in den Hals. Die Vorstellung, dass sie einige dieser transparenten, herumzuckenden Würmer geschluckt hatte, bereitete ihr eine Panikattacke. Sie fing an zu schwitzen und zu hyperventilieren. Nachdem sie einige Male gewürgt hatte, aber nichts aus ihrem Bauch herauskam, beruhigte sie sich langsam. Sie schenkte sich noch ein Glas Wasser aus dem Wasserhahn ein und hielt das Glas gegen das Licht. Aber es sah normal aus. Kein transparentes, zuckendes Etwas. Hatte sie sich das womöglich nur eingebildet? Sie untersuchte das Spülbecken nach dem kleinen Wurm, aber sie konnte nichts finden. Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster. Sie war völlig erschöpft, die automatische Frauenstimme flüsterte immer noch leise vor sich hin, bis es knackte und dann nur noch rauschte.